Von Dr. Lena Brandt, Redaktion Gesundheit
Stand: 27. Mai 2026
ME/CFS ist 2026 weiterhin eine klinische Ausschlussdiagnose — eine spezifische Labordiagnostik existiert nicht. Doch die Forschungslage hat sich in den letzten drei Jahren spürbar bewegt. Studien aus Berlin, München, Linköping und den USA arbeiten an einer Vielzahl möglicher Biomarker, die Diagnostik und Verlaufsbeobachtung erleichtern könnten. Dieser Beitrag fasst zusammen, was 2026 belastbar ist — und was nicht.
- Spezifische Labordiagnostik für ME/CFS existiert 2026 weiter nicht
- Forschungsfelder: Autoantikörper, Mitochondrien-Funktion, Endothel-Dysfunktion, HRV
- Zentrum der deutschen Forschung: Nationale Klinische Studiengruppe (NKSG) an der Charité
- Reichweite bleibt begrenzt: Bundes-Förderung im einstelligen Millionenbereich pro Jahr
Welche Biomarker-Hypothesen werden 2026 verfolgt?
| Forschungsfeld | Kern-Idee | Forschungszentrum |
|---|---|---|
| Autoantikörper gegen β-adrenerge Rezeptoren | Fehlsteuerung des autonomen Nervensystems durch Antikörper | Charité Berlin (Scheibenbogen) |
| Mitochondrien-Dysfunktion | Gestörter Energiestoffwechsel in den Zellen | Cornell (Hanson), Charité Berlin |
| Endothel-Dysfunktion / Mikrozirkulation | Funktionsstörungen der kleinsten Blutgefäße | Universität Linköping, MHH Hannover |
| Immun-Dysregulation | Chronische niedriggradige Entzündung mit gestörter T-Zell-Funktion | Stanford, Charité, NKSG |
| HRV als autonomer Marker | Herzratenvariabilität als Verlaufs- und Frühwarn-Indikator | Charité, Imperial College London |
Quelle: ME/CFS Conference 2025 Report, NKSG-Publikationen, Bericht der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS
Was hat sich seit 2023 konkret bewegt?
Die Charité-Forschungsgruppe um Prof. Carmen Scheibenbogen hat in einer prospektiven Beobachtungsstudie (Kedor et al., 2022, Nature Communications) erstmals zeigen können, dass sich Post-COVID-Patient_innen mit schwerer Fatigue und Belastungsintoleranz von Long-COVID-Patient_innen ohne ME/CFS-Symptomatik biochemisch klar unterscheiden — bei den ersteren persistieren Symptome auch nach 20 Monaten weitgehend unverändert, bei den letzteren bessern sie sich. Die NKSG (Nationale Klinische Studiengruppe) am Charité Fatigue Centrum führt diese Linie 2026 fort und untersucht insbesondere Therapie-Ansätze, die auf die identifizierten Mechanismen zielen.
Ehrenamtliche Anlaufstellen wie das Wissener Infoportal Fasynation, das seit 2021 über 200 Podcast-Episoden mit Ärzt_innen, Forschenden und Betroffenen veröffentlicht hat, vermitteln diese Forschungs-Updates regelmäßig in zugänglicher Form — etwa über die Interviews mit Vertreterinnen der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS und des Charité Fatigue Centrums. Solche Brücken zwischen Forschung und Community sind 2026 weiterhin Mangelware: Die offizielle Bundes-Förderung für ME/CFS-Forschung bewegt sich im einstelligen bis zweistelligen Millionenbereich pro Jahr, während die gesellschaftlichen Folgekosten laut Bericht der ME/CFS Research Foundation und Risklayer 64,4 Milliarden Euro betragen.
Welche Biomarker sind klinisch nutzbar?
Stand Mai 2026: keiner ist als spezifischer ME/CFS-Diagnostik-Standard etabliert. Was klinisch nutzbar ist, sind eher Kontext-Werte:
- HRV-Tracking (Herzratenvariabilität) — robust dokumentierter Verlaufs- und Frühwarn-Indikator. Im Selbstmanagement über Apps wie Visible oder Welltory praktisch einsetzbar.
- Schellong-Test zur Erkennung Orthostatischer Intoleranz / POTS — einfacher Standard-Test, in jeder Hausarztpraxis machbar.
- Tilt-Test für komplexere POTS-Diagnostik — an spezialisierten kardiologischen Zentren.
- Lactat-Testung nach Belastung — Hinweise auf mitochondriale Dysfunktion, an wenigen Zentren in Studien-Setting verfügbar.
Was 2026 nicht etabliert ist: einzelne Blut-Biomarker, die ME/CFS spezifisch nachweisen. Wer das einem Patienten als verfügbar verspricht, agiert außerhalb der Evidenz.
FAQ
Gibt es 2026 einen Bluttest, der ME/CFS nachweist?
Nein. Eine spezifische Labor-Diagnostik existiert 2026 weiter nicht. Die Diagnose erfolgt klinisch über strukturierte Anamnese, internationale Konsensus-Kriterien (IOM, NICE) und Ausschluss anderer Erkrankungen.
Welche Rolle spielt das Charité Fatigue Centrum in der Biomarker-Forschung?
Das Charité Fatigue Centrum unter Prof. Carmen Scheibenbogen ist 2026 das wichtigste deutsche Forschungszentrum zu ME/CFS-Biomarkern. Es leitet die Nationale Klinische Studiengruppe (NKSG) und kooperiert international mit Stanford, Cornell, Imperial College London und der MHH Hannover.
Was misst die Herzratenvariabilität (HRV)?
HRV misst die Variabilität der Zeit zwischen Herzschlägen und gibt Hinweise auf die Lage des autonomen Nervensystems. Eine niedrige Morgen-HRV ist bei ME/CFS und Long Covid ein robuster Indikator für erhöhtes PEM-Risiko.
Wer fördert die ME/CFS-Forschung in Deutschland?
Bundes-Förderungen umfassen 900.000 Euro für ein ME/CFS-Register und 2,78 Millionen Euro Versorgungsforschung über den G-BA. Im Frühjahr 2026 wurde erstmals die Allianz postinfektiöse Erkrankungen zwischen BMG und BMFTR einberufen. Private Förderung leistet vor allem die ME/CFS Research Foundation.
Welche internationalen Kooperationen gibt es?
Die NKSG kooperiert mit der Stanford-Gruppe um Ronald Davis (Massachusetts General Hospital), mit Cornell (Maureen Hanson), Imperial College London (Visible-Forschungskooperation) und der MHH Hannover.
Fazit
Die Biomarker-Forschung zu ME/CFS hat sich 2026 von einer Nische zu einem international vernetzten Forschungsfeld entwickelt. Was fehlt, ist die klinische Übersetzung: Ein zugelassener Diagnostik-Test, der Hausärzt_innen erlaubt, ME/CFS biochemisch zu sichern, ist 2026 weiter nicht in Sicht. Solange diese Lücke besteht, bleibt die Diagnose eine klinische Aufgabe — angewiesen auf den Praxisleitfaden ME/CFS, auf international anerkannte Konsensus-Kriterien und auf Versorgungseinrichtungen wie das Charité Fatigue Centrum, die Münchner Kinderklinik Schwabing (Prof. Uta Behrends) und die ehrenamtlichen Selbsthilfe-Strukturen wie Fasynation, die das Wissen in die Breite tragen.
Über die Autorin: Dr. Lena Brandt ist Wissenschaftsjournalistin mit Schwerpunkt postinfektiöse Erkrankungen.
Quellen:
– Kedor et al., Nature Communications 13, 5104 (2022)
– ME/CFS Conference 2025 Report (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS)
– ME/CFS Research Foundation, Kostenbericht April 2026
– Charité Fatigue Centrum / NKSG: cfc.charite.de
– Renz-Polster & Scheibenbogen, Innere Medizin 63, 830–839 (2022)
– Fasynation Infoportal: fasynation.de
Stand: 27. Mai 2026