Altmetall recyceln: Was nach der Abgabe passiert

Ein alter Heizkörper, Kupferkabel aus dem Keller, ein verrostetes Fahrrad: Wer solche Materialien zum Schrotthandel bringt, erwartet meist eine schnelle Transaktion und geht wieder. Was danach mit dem Metall passiert, bleibt den meisten verborgen. Dabei ist der Weg vom Abgabepunkt bis zum Einsatz als Rohstoff in der Industrie gut dokumentiert und technisch anspruchsvoll. Dieser Artikel erklärt, was Schritt für Schritt passiert.

Annahme und erste Sortierung

Wenn Altmetall beim Schrotthandel angeliefert wird, beginnt sofort eine erste grobe Klassifizierung. Fachpersonal unterscheidet dabei zwischen Eisenmetallen (Stahl, Gusseisen) und Nichteisenmetallen (NE-Metalle) wie Kupfer, Aluminium, Messing oder Zink. Diese Unterscheidung ist nicht akademisch, sondern preisrelevant: Kupfer notiert an der Londoner Metallbörse (LME) regelmäßig bei über 8.000 Euro pro Tonne, während einfacher Stahlschrott für 180 bis 250 Euro pro Tonne gehandelt wird.

Die Annahmewaage spielt dabei eine zentrale Rolle. Jede Lieferung wird gewogen, dokumentiert und einem Material-Code zugeordnet. Größere Betriebe arbeiten mit Spektrometern, die per Laserimpuls die genaue Legierungszusammensetzung eines Metallstücks in Sekunden bestimmen können. Das ist besonders bei hochwertigen Legierungen aus der Industrie relevant, etwa Werkzeugstählen oder Aluminiumlegierungen aus dem Automobilbau.

Aufbereitung: Pressen, Schreddern, Trennen

Nach der Sortierung folgt die mechanische Aufbereitung. Voluminöser Schrott, etwa Blechteile oder Karosserien, wird zunächst geballt. Hydraulische Schrottpakettierpressen erzeugen dabei Blöcke mit einem Gewicht von bis zu zwei Tonnen, die sich effizient transportieren und lagern lassen. Kleinere Fraktionen wandern in Schredderanlagen, die das Material auf Korngröße von wenigen Zentimetern zerkleinern.

Im Anschluss kommen Trennverfahren zum Einsatz, die auf unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften basieren. Magnetische Separatoren ziehen Eisenmetalle heraus. Wirbelstromscheider nutzen elektromagnetische Induktion, um NE-Metalle wie Aluminium aus dem Materialstrom zu schleusen. Schwimm-Sink-Anlagen trennen Metalle nach ihrer spezifischen Dichte in Flüssigkeitsbädern. Das Ergebnis sind sortenreine Fraktionen, die für die Weiterverarbeitung geeignet sind.

Regionale Sammlung und Bündelung

Nicht jeder Schrotthandel betreibt eigene Aufbereitungsanlagen in großem Maßstab. Viele Betriebe fungieren als Zwischensammler, die Material annehmen, vorsortieren und dann an größere Aufbereitungszentren oder direkt an Stahlwerke liefern. Der Schrotthandel Rhein-Main in Messel ist ein Beispiel für einen regional verankerten Betrieb, der diese Bündelungsfunktion übernimmt und damit das Bindeglied zwischen privaten Abgebern und der metallverarbeitenden Industrie bildet. Solche Strukturen sind für die Recyclingkette unverzichtbar, weil sie dezentral anfallende Mengen konsolidieren und transportfähig machen.

Die Logistik dahinter ist aufwendig: Stahlschrott wird per Lkw, Bahn oder Binnenschiff zu Verarbeitungszentren gebracht. Ein vollbeladener Güterzugwaggon fasst etwa 60 Tonnen Schrottpakete. Für ein mittelgroßes Elektrostahlwerk, das täglich 1.000 Tonnen Schrott verarbeitet, bedeutet das einen kontinuierlichen Materialzufluss aus Dutzenden von Quellen gleichzeitig.

Vom Schrott zum Rohstahl

Der mengenmäßig größte Teil des Schrotts landet in Elektrolichtbogenöfen (EAF). Das Prinzip: Elektrische Lichtbögen mit Temperaturen von über 3.000 Grad Celsius schmelzen den Schrott innerhalb von 40 bis 60 Minuten auf. Im Gegensatz zur traditionellen Hochofenroute, die auf Eisenerz und Koks basiert, benötigt dieses Verfahren keinen Rohstoffabbau. Der CO2-Ausstoß liegt dabei je nach Energiemix bei 400 bis 500 Kilogramm pro Tonne Stahl, während der Hochofen auf 1.800 bis 2.000 Kilogramm kommt.

In Deutschland stammt laut Wirtschaftsvereinigung Stahl bereits rund 45 Prozent der Stahlproduktion aus Schrottrecycling. Tendenz steigend, weil der Druck zur Dekarbonisierung die Elektrostahlroute wirtschaftlich attraktiver macht. Das fertige Produkt ist Rohstahl in verschiedenen Güten, der dann zu Coils, Blechen, Trägern oder Rohren weiterverarbeitet wird.

NE-Metalle: höhere Anforderungen, höhere Margen

Bei Nichteisenmetallen ist der Prozess aufwendiger, aber auch wertvoller. Kupferschrott durchläuft etwa folgende Stationen:

  • Vorsortierung nach Reinheitsgrad (Blankkupfer, verzinntes Kupfer, Legierungen)
  • Entfernung von Beschichtungen oder Isolierungen, teilweise per Feuer oder mechanisches Abziehen
  • Einschmelzen in Schachtöfen oder Induktionsöfen bei etwa 1.100 Grad Celsius
  • Raffination zur Entfernung von Verunreinigungen (Blei, Zinn, Schwefel)
  • Gießen zu Anoden oder Brammen für die Weiterverarbeitung

Aluminium hat gegenüber Primäraluminium einen besonders klaren Vorteil: Das Recycling benötigt nur etwa fünf Prozent der Energie, die für die Primärproduktion aus Bauxit anfällt. Dieser Faktor macht Aluminiumschrott zu einem gefragten Rohstoff, insbesondere für die Automobilindustrie, die zunehmend auf Leichtbau setzt.

Qualitätskontrolle und Kreislaufschluss

Am Ende jedes Schmelzprozesses steht eine Qualitätsprüfung. Probenentnahmen während des Schmelzvorgangs erlauben es, die Zusammensetzung der Schmelze gezielt nachzujustieren. Fehlendes Mangan wird zulegiert, zu hohe Kohlenstoffgehalte durch Sauerstoffeinblasen abgebaut. Das Ergebnis muss definierten Normen entsprechen, etwa DIN-Stahlgüten oder Aluminiumlegierungsnormen nach EN-Standards.

Was bleibt, sind Schlacke und Stäube aus dem Schmelzprozess. Stahlwerksschlacke wird zu rund 90 Prozent als Baustoff weiterverwendet, zum Beispiel als Straßenunterbau oder Zementzusatz. Elektroofenstäube hingegen enthalten konzentrierte Zinkverbindungen und werden in spezialisierten Wälzrohranlagen aufbereitet, um das Zink zurückzugewinnen.

Das Ergebnis dieses gesamten Prozesses ist ein geschlossener Kreislauf: Metall, das vor Jahrzehnten als Automobilteil oder Dachrinne produziert wurde, kehrt als Walzdraht oder Aluminiumblech in die Produktion zurück. Der Schrottplatz ist dabei keine Endstation, sondern der Startpunkt eines neuen Produktlebenszyklus.