Normen sind das unsichtbare Gerüst hinter vielen Alltagsentscheidungen. Wer einen Aktenvernichter kauft, ein Büro absichert oder Dokumente entsorgt, begegnet früher oder später zwei Bezeichnungen: DIN 66399 und EN 1143-1. Beide klingen technisch und fern, haben aber sehr konkrete Auswirkungen darauf, wie Unternehmen und Privatpersonen mit sensiblen Unterlagen und Wertsachen umgehen. Dieser Artikel erklärt, was hinter den Begriffen steckt und was die Einstufungen praktisch bedeuten.
Was ist eine DIN- oder EN-Norm überhaupt?
Das Deutsche Institut für Normung (DIN) erarbeitet technische Standards, die in Industrie, Handel und Verwaltung einheitliche Maßstäbe setzen. EN-Normen sind europäische Pendants, die in der Regel von nationalen Gremien übernommen werden. Normen sind meistens freiwillig, aber sie werden rechtsverbindlich, sobald Gesetze oder Verträge auf sie verweisen. Die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) etwa schreibt keine Vernichtungsklassen vor, empfiehlt aber den Stand der Technik, und der wird in der Praxis durch DIN 66399 definiert.
Das bedeutet: Wer personenbezogene Daten nicht nach DIN 66399 vernichtet, kann im Streitfall Schwierigkeiten bekommen, den „Stand der Technik“ nachzuweisen. Normen sind also faktisch relevant, auch wenn sie formal keine Gesetze sind.
DIN 66399: Daten sicher vernichten
Die DIN 66399 wurde 2012 eingeführt und löste die ältere DIN 32757 ab. Sie gilt für alle Trägermedien, also Papier, optische Datenträger wie CDs, Festplatten, USB-Sticks und sogar Magnetbänder. Die Norm unterteilt sich in drei Schutzstufen und sieben Sicherheitsstufen.
Die drei Schutzstufen orientieren sich am Schutzbedarf der Daten:
- Schutzstufe 1: Interne Daten ohne besonderen Schutzbedarf, zum Beispiel allgemeine Geschäftskorrespondenz.
- Schutzstufe 2: Vertrauliche Daten, darunter Personalakten, Finanzdaten oder Kundenlisten.
- Schutzstufe 3: Besonders schutzbedürftige Daten, etwa Verschlusssachen, Gesundheitsdaten oder strategische Unternehmensinformationen.
Innerhalb dieser Schutzstufen gibt es sieben Sicherheitsstufen (P-1 bis P-7 für Papier), die festlegen, wie klein die Partikel nach der Vernichtung sein müssen. P-1 erlaubt Streifen bis zu 2.000 Quadratmillimeter, P-7 fordert Partikel unter 5 Quadratmillimeter. Ein handelsüblicher Büroaktenvernichter erreicht oft nur P-2 oder P-3. Für Arztpraxen oder Anwaltskanzleien, die der Schutzstufe 3 unterliegen, ist das zu wenig.
Die sieben Sicherheitsstufen im Überblick
| Stufe | Max. Partikelgröße (Papier) | Typischer Anwendungsfall |
|---|---|---|
| P-1 | 2.000 mm² | Interne allgemeine Unterlagen |
| P-2 | 800 mm² | Interne Kommunikation |
| P-3 | 320 mm² | Vertrauliche Unterlagen |
| P-4 | 160 mm² | Personaldaten, Finanzdaten |
| P-5 | 30 mm² | Besonders vertrauliche Daten |
| P-6 | 10 mm² | Geheimhaltungspflichtige Daten |
| P-7 | 5 mm² | Höchste Geheimhaltungsstufe |
Wer sich tiefer mit den Definitionen einzelner Sicherheitsklassen beschäftigen möchte, findet im Lexikon zu DIN 66399 und Brandschutzklassen kompakte Erklärungen zu den verschiedenen Stufen und Begriffen aus dem Bereich Datensicherheit und Aufbewahrung.
EN 1143-1: Tresore und ihre Widerstandsklassen
Die europäische Norm EN 1143-1 regelt, wie sicher Wertschutzschränke gegen Einbruchversuche sind. Sie definiert sogenannte Widerstandsgrade, abgekürzt als „Grade“ oder „VdS-Klasse“. Geprüft wird nach einem standardisierten Testverfahren: Fachleute versuchen unter definierten Bedingungen, einen Tresor mit Werkzeug zu öffnen. Die Zeit und der Aufwand, die dafür nötig sind, bestimmen den Widerstandsgrad.
Die Norm unterscheidet zwischen Grade 0 und Grade 6, wobei höhere Zahlen mehr Sicherheit bedeuten. Grade 0 bietet einfachen Schutz und wird für geringe Werte empfohlen, Grade 6 ist für Banken und Hochsicherheitsbereiche ausgelegt. Versicherungen orientieren sich an diesen Einstufungen, wenn sie Entschädigungsgrenzen festlegen: Ein Tresor nach Grade 1 ist oft für Bargeld bis 10.000 Euro versicherbar, ein Grade-3-Tresor für Werte bis 150.000 Euro, je nach Versicherungsbedingungen.
Wichtig ist der Unterschied zwischen Einbruchschutz und Feuerschutz. EN 1143-1 testet ausschließlich den mechanischen Widerstand gegen Aufbruchversuche. Feuerschutzklassen folgen anderen Normen, etwa EN 1047-1. Ein Tresor, der nur nach EN 1143-1 zertifiziert ist, schützt Dokumente im Brandfall möglicherweise nicht.
Wo diese Normen im Alltag konkret auftauchen
Für viele Unternehmen sind beide Normen nicht abstrakt, sondern Bestandteil betrieblicher Pflichten. Die DSGVO, nachzulesen auf gesetze-im-internet.de, verpflichtet Verantwortliche, personenbezogene Daten durch geeignete technische und organisatorische Maßnahmen zu schützen. Dazu gehört auch die Entsorgung. Wer Patientenakten in einem Büroaktenvernichter der Stufe P-2 zerkleinert, erfüllt diese Anforderung vermutlich nicht.
Für Tresore gilt: Viele Versicherungsverträge für Geschäftsinhalte oder Hausrat enthalten Klauseln, die bestimmte Widerstandsgrade vorschreiben. Wer einen Tresor kauft, ohne die Versicherungsbedingungen zu kennen, riskiert, im Schadensfall leer auszugehen. Deshalb sollte die Normbescheinigung immer Teil des Kaufgesprächs sein.
Im privaten Bereich ist die Relevanz geringer, aber vorhanden. Wer Dokumente wie Erbscheine, Grundbuchauszüge oder Reisepässe zu Hause aufbewahrt, ist mit einem Tresor nach Grade 1 in der Regel ausreichend gesichert. Wer Bargeld oder Schmuck aufbewahrt, sollte höhere Stufen in Betracht ziehen und die Versicherungsbedingungen prüfen.
Normen lesen: Wo man verlässliche Informationen findet
Vollständige Normtexte sind kostenpflichtig und über das DIN erhältlich. Für einen ersten Überblick reichen aber oft die Definitionen der Schutz- und Sicherheitsstufen sowie die Kennzeichnungen auf den Geräten selbst. Wer ein Gerät kauft, sollte auf das Prüfsiegel achten. Beim Aktenvernichter steht die Sicherheitsstufe direkt auf dem Gehäuse oder im Datenblatt. Beim Tresor weist eine Prüfbescheinigung nach EN 1143-1 den Widerstandsgrad aus.
Ergänzend bietet Wikipedia zur Datenschutz-Grundverordnung einen gut strukturierten Überblick, der hilft, den rechtlichen Rahmen zu verstehen, in dem Normen wie DIN 66399 praktische Bedeutung entfalten. Wer auf der sicheren Seite sein will, kombiniert das Lesen solcher Hintergrundinformationen mit dem direkten Blick auf die Norm-Kennzeichnung der eingesetzten Geräte.
Letztlich sind DIN 66399 und EN 1143-1 keine bürokratischen Konstrukte, sondern pragmatische Werkzeuge. Sie machen vergleichbar, was sonst schwer zu bewerten wäre, und schaffen damit eine gemeinsame Grundlage für Käufer, Versicherungen und Behörden. Das ist ihr eigentlicher Wert.