Warum reagiere ich wieder genauso, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, es diesmal anders zu machen? Die Antwort ist unbequem, aber sie entlastet: Es liegt nicht daran, dass der Wille zu schwach ist. Veränderung funktioniert anders, als wir meistens glauben. „Dieses Mal mache ich es anders.“ Dieser Satz entsteht im Kopf, die alte Reaktion aber entsteht woanders: im Körper, im Nervensystem, in gespeicherten Erfahrungen. Und wenn die automatische Reaktion schneller ist als der bewusste Entschluss, übernimmt wieder das alte Muster.
Reicht Willenskraft nicht aus?
Wer etwas in seinem Leben verändern will, merkt oft schnell, dass der Wille allein nicht genügt. Wir können mit dem Kopf sehr genau wissen, was sich ändern soll. Trotzdem reagiert der Körper auf eine ganz andere Weise. Genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung.
Typisch ist die Situation, in der wir uns wieder einmal so verhalten, wie wir eigentlich gar nicht verhalten wollten. Wir bemerken es, wir ärgern uns darüber, wir nehmen uns vor: Das muss sich jetzt endlich ändern. Und beim nächsten Mal passiert es wieder. Wer Muster durchbrechen will, darf deshalb nicht nur auf Gedanken und Vorsätze schauen, sondern auch auf das Nervensystem, auf gespeicherte Erfahrungen und auf automatische Reaktionen.
Was ist der innere Widerspruch, den viele übersehen?
Häufig spüren wir sehr deutlich, dass wir in einem Muster feststecken, das sich verändern sollte. Tief im Inneren glauben wir jedoch nicht daran oder sind unsicher, ob die Veränderung überhaupt funktionieren kann. Nach außen nehmen wir uns etwas fest vor, während ein anderer Teil in uns gleichzeitig davon überzeugen will, dass es ohnehin nicht klappt.
An diesem Punkt braucht es Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Manche Menschen übergehen ihre Gedanken und Gefühle. Sie nehmen sich nicht die Zeit, auch in ihr Innerstes zu schauen und darauf zu achten, was sie genau denken und fühlen. Dabei lohnt es, wahrzunehmen, was der Körper sagt, was das Nervensystem sagt und welche Ängste aus gespeicherten Erfahrungen auftauchen. Es sind automatische Reaktionen, die wir erleben, aber oft nicht einordnen können.
Warum hält unser System am Vertrauten fest?
Die Antwort klingt provokativ: Der Schmerz für eine Veränderung ist nicht groß genug. Die meisten Menschen leben in gewohnten Rhythmen, die ihnen gar nicht gut tun und die sie belasten. Trotzdem ist der Druck oft nicht groß genug, um die Hürde der Veränderung zu überwinden.
Wir verändern uns nicht automatisch, wenn wir erkennen, dass etwas nicht gut für uns ist. Wir verändern uns häufig erst dann, wenn der Wunsch nach Veränderung stärker wird als der Widerstand gegen das Neue. Der Schmerz des jetzigen Zustandes, der alten Gewohnheit, muss also so groß werden, dass wir ihn nicht mehr aushalten können. Denn das Vertraute fühlt sich für unser System oft sicherer an als das Neue, selbst dann, wenn das Vertraute uns schadet.
Woher kommen diese Muster?
Die sogenannte Komfortzone ist so stark, weil sie über lange Zeit eingeübt wurde und durch alte Konditionierungen verankert ist. Viele Glaubensmuster stammen aus der Kindheit und werden gar nicht bewusst wahrgenommen. Wir denken und handeln einfach in ihnen, weil wir es nicht anders kennen. So reagieren wir heute auf eine Situation mit einem Muster, das irgendwann einmal sinnvoll oder notwendig war, heute aber eher hinderlich ist. Unser System unterscheidet dabei nicht immer zwischen dem, was damals war, und dem, was heute tatsächlich passiert.
Jede echte Veränderung führt ein Stück aus der vertrauten Umgebung heraus, und genau dort entsteht die Angst vor dem Unbekannten. Nicht, weil das Neue falsch wäre, sondern weil es für unser System noch unbekannt ist. Wer sich mit diesen Zusammenhängen näher befassen will, findet unter "Endlich wirklich verändern" , "Schritte der Veränderung" , "Blockaden lösen" weiterführende Ansätze.
Warum reicht es nicht, es einmal anders zu machen?
Hier liegt der entscheidende Punkt, den viele übersehen: Sie halten nicht durch. Das hat mit Disziplin zu tun, aber nicht in dem Sinn, dasselbe, was gewohnt ist, weiter und noch intensiver zu machen. Es geht um die Disziplin, etwas Neues so konsequent zu wiederholen, bis es sich nicht mehr neu anfühlt.
Eine neue Handlung ist noch keine neue Gewohnheit. Und eine neue Gewohnheit ist noch kein neues automatisches Verhalten. Genau hier geben viele zu früh auf. Wir beginnen eine neue Tätigkeit, von der wir überzeugt sind, und stoßen sehr bald an Grenzen. Das ist normal. Wenn Schwierigkeiten kommen, verlieren wir die Lust daran oder stellen das Neue in Frage. Auch das ist normal. Entscheidend ist, ob wir trotzdem weitermachen. Nervensystem und bestimmte Gehirnfunktionen müssen neue Abläufe immer wieder lernen, bis diese neuen Gewohnheiten vertraut geworden sind. Die meisten hören zu früh auf, weil sie plötzlich glauben, dass es ohnehin nicht funktioniert. Das muss aber nicht die Wahrheit sein: Es kann das gewohnte System sein, das uns vor Veränderung schützen will.
Wie sieht ein realistischer Einstieg aus?
Ein Impuls: Suche dir für einen Monat jeweils eine ganz kleine neue Gewohnheit in drei Bereichen deines täglichen Lebens. Es muss nichts Großes sein.
- Ernährung, zum Beispiel: „Ich trinke jeden Morgen nach dem Aufstehen zuerst ein großes Glas Wasser.“
- Bewegung, zum Beispiel: „Ich gehe die Treppe zu Fuß, anstatt den Lift zu nehmen.“
- Pausen und bewusste Reflexion, zum Beispiel: „Ich nehme mir einmal am Tag 9 Minuten Zeit, um mich zu zentrieren, bewusst zu atmen und auf mein Inneres zu hören.“
Diese kleinen Veränderungen werden jeden Tag über einen Monat konsequent umgesetzt. Wenn ein Tag ausgelassen wird, beginnt man wieder von vorne. Denn genau darum geht es: Das Nervensystem soll lernen, dass die neue Handlung nicht nur ein einmaliger Vorsatz ist, sondern zum neuen Verhalten gehört. Kleine Schritte, jeden Tag, Konsequenz statt Überforderung. So kann aus einer bewussten Entscheidung mit der Zeit eine neue Gewohnheit entstehen.
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